Rolle Rückwärts in München: Diese Fragen sollte man sich stellen


Bereits diesen Mittwoch soll die Entscheidung fallen: München will bis 2021 die Nutzung des GNU/Linux-Desktop-Clients “LiMux” beenden und damit ein erfolgreiches Leuchtturmprojekt beenden. Ich habe dazu einen ausführlichen Artikel auf Netzpolitik.org veröffentlicht. Bürger haben ein Recht darauf, dass der Stadtrat verantwortungsvoll und professionell arbeitet. Angesichts der Tragweite der Entscheidung sollte auf jede der folgenden Fragen den beteiligten Stadträten die Antwort daher bereits vorliegen. Gerne dürfen diese Fragen auch als Grundlage verwendendet werden um die Entscheidungsträger zu kontaktieren.

Die drängendsten Fragen zur Entscheidung über die zukünftige IT Startegie in München

  • Warum ignoriert der Stadtrat mit seiner Entscheidung die von ihm selbst beauftragten Studien (MitKonkret, it@M Plus, Accenture) welche alle übereinstimmend mit der it@M die Organisationsstrukturen als Ursprung aller Probleme erkannt haben?
  • Existiert ein Zusammenhang zwischen dem Umzug von Microsoft nach München und der Rückkehr zu Microsoft?
  • Wieso werden immer wieder kostenintensive Gutachten und externe Firmen beansprucht, wenn der Stadtrat letztendlich diesen Empfehlungen nicht folgt? Siehe u.a. auch bereits Mitkonkret, die damals eine volle GmbH oder ein IT-Referat empfohlen haben aber von einer Mischform abrieten.
  • Auf wessen Kompetenz fundiert der Stadtratsbeschluss und die darin enthaltene Einschätzung dass Accenture, it@M und alle beteiligten IT-Experten falsch liegen und die Ursachen sich mit einer technologischen Entscheidung lösen ließen?
  • Diese Entscheidung des Stadtrates hat tiefgreifende technische Konsequenzen. Welcher IT-Architekt hat den Stadtrat diesbezüglich beraten und entschieden, dass die kostenintensive Umstellung auf Microsoft Windows eine notwendige Maßnahme ist?
  • Wie glaubt der Stadtrat in zwei Jahren eine komplett neue Infrastruktur zu schaffen angesichts der Tatsache dass auch die bestehende Infrastruktur mit der geplanten Grösse ihre Schwierigkeiten hat. Wie sollen in diesem Zeitraum 30.000 Mitarbeiter geschult, über 9.000 Vorlagen umgebaut, Wollmux und hunderte von komplexen Makros ersetzt werden?
  • Ist dem Stadtrat bewusst, wie er durch den Antrag die Leistung der IT-Mitarbeiter der Stadt herabwürdigt und dass dieses Verhalten die Attraktivität der Landeshauptstadt München als Arbeitgeber für kompetente IT-Spezialisten nachhaltig schädigt?
  • Was passiert mit den Mitarbeitern, die zur Zeit für den Basisclient und LibreOffice entwickeln? Werden diese entlassen oder wird ihnen eine angemessene Zeit zur Umschulung gegeben?
  • Welche Auswirkung hat diese Entscheidung auf den Betrieb der GNU/Linux-Server und das erst kürzlich neu aufgebaute Rechenzentrum der Stadt?

Weiter Fragen die man sich zu dem Thema stellen sollte

  • Wieso glaubt der Stadtrat an, Fachentscheidungen besser treffen zu können als die mit dem Thema beauftragten Fachleute?
  • Haben die Stadträte des Antrags geschäftliche Verbindungen zu Microsoft oder Microsoft-nahen Firmen?
  • Auf welcher Basis wurde entschieden, dass Windows das geeignete System sei?
  • Die Entscheidung ist nicht produktneutral und benachteiligt u.a. deutsche Anbieter und den Wirtschaftsstandort München. Ist das legal oder drohen der Stadt und den für die Entscheidung Verantwortlichen rechtliche Konsequenzen und Regressforderungen?
  • Erratische und unabgestimmte Entscheidungen können auch dazu führen dass viele Firmen bei Ausschreibungen der Landeshauptstadt München in Zukunft nicht mehr teilnehmen. Wie will der Stadtrat dies verhindern wenn Ausschreibungen, Projekte und betriebsfähige Software durch diese Entscheidung einfach weggeworfen werden?
  • Soll die technische Umstellung die notwendige administrative Umstellung ersetzen?
  • Wie verhält sich die geplante Entscheidung zum Teil der Entscheidungsvorlage in der die Notwendigkeit einer heterogenen, von Windows unabhängigen, Infrastrukturstrategie hervorgehoben wird?
  • Wie verhält sich diese Entscheidung insbesondere zu der “Web First”-Strategie, welche ebenfalls in der Entscheidung angesprochen wird?
  • Es gab schon in der Vergangenheit Gerüchte, dass der Stadtrat sich nicht an die Vorgaben der Stadt gehalten hat und unbetreute Windowsclients im Backbone der Stadt oder für Stadtratsaufgaben eingesetzt hat. Dies wäre u.A. eine grob fahrlässige Gefährdung der IT-Sicherheit. Entsprechen diese Gerüchte den Tatsachen?
  • Worauf begründet der Stadtrat seinen Optimismus, dass es keine Reibungsverluste zwischen den DiKas, der GmbH und dem Eigenbetrieb geben wird?
  • Soll der Stadtratsbeschluss zu einer Abschaffung der städtischen Infrastruktur führen bei der alle Daten der Bürger in der Accenture/Microsoft-Cloud gespeichert werden?
  • Wie sieht der Stadtrat die Gewährleistung des Datenschutzes, insbesondere angesichts der Executive Order von Präsident Trump welche den Datenschutz für nicht-US-Bürger abgeschafft hat.
  • Der Stadtrat zwingt mit dieser Entscheidung die Bürger der Landeshauptstadt München zum Einsatz von Microsoft Office für die Kommunikation mit der Verwaltung. Übernimmt der Stadtrat auch die Kostenfolgen dieser Entscheidung für die Bürger die aktuell nicht über Microsoft Office verfügen?
  • Der Stadtrat hat verlauten lassen, dass der Dokumentenaustausch wegen mangelnder Kompatibilität problematisch sei. Auf welche Art und Weise hat der Stadtrat vor, den Austausch von Dokumenten per E-Mail auszubauen? Angesichts von Viren, Erpressungs-Crypto-Trojanern und staatlichen Angreifern mit dem Ziel der Wirtschaftsspionage und
    Manipulation scheint dieses Ziel in die falsche Richtung zu gehen. Stellt dies nicht eine Gefährdung der Sicherheit der städtischen IT durch die Entscheidung des Stadtrats dar?
  • Wie beeinflusst die Entscheidung des Stadtrats die Kosteneffizenz des Gutachtens?

6 Responses to “Rolle Rückwärts in München: Diese Fragen sollte man sich stellen”

  1. […] Gastautor hat in seinem Blog eine Liste von kritischen Fragen zu der Entscheidungsfindung in München […]

  2. abbc says:

    Ehrlich gesagt, wenn es erfolgreich wäre, würde man kein Fass aufmachen und zurück migrieren. Man hat sich im Aufwand bei diesem Projekt ziemlich überschätzt. Die Migration auf LiMux hat viel länger gedauert als gedacht, es wurde nicht alles erfolgreich umgesetzt und letztendlich die Reißleine gezogen.

    • Ingo says:

      Ehrlich gesagt sollte es von Anfang an klar sein, daß eine öffentliche Verwaltung nicht mit closed-source Programmen eines Unternehmens arbeiten darf, das von einem anderen Land kontrolliert wird. Schon alleine aus Datenschutzgründen. Wer hindert Microsoft daran, alle Geschäftsgeheimnisse, die Bayerische Firmen an die Verwaltung in München weitergeben müssen für Aufträge, direkt an die NSA weiterzuleiten? Niemand. Im Gegenteil, Microsoft muß springen wenn die NSA ruft, denn sonst verlieren die leitenden Chefs in den USA ihr Vermögen und gehen in den Knast.

      Daher ist das hier eigentlich keine Frage. Microsoft oder ein anderer Multinationaler Hersteller sind aussen vor, schon alleine deswegen. München kann entweder eine lokale Firma nehmen die nicht zu stark in den USA aktiv ist (denn dann muß sie sich wieder den US Gesetzen beugen), dann geht closed-source. Oder sie machen open source und implementieren eine Kontrolle, dann darf auch wieder Microsoft ran. Oder sie erinnern sich an ihren Auftrag als öffentliche Verwaltung und machen Freie Software, dann haben auch die Bürger was davon.

  3. willi uebelherr says:

    Hallo abbc,
    als aussenseiter kann ich nur feststellen, dass deine ausfuehrungen bezugslos in den raum geworfen werden.
    Schon der anfang ist unsinn. Weil selbstverstaendlich werden “faesser geoeffnet”, wenn es um vorteile geht. Und jede begruendung kann so modifiziert werden.
    Eine sonst wie geartete umstellung ist nie zu ende, weil staendig veraenderungen anstehen. Aber misrable verwaltungsstrukturen und interne quelereien lassen sich nicht mit einfachen technischen mitteln loesen.
    Es riecht hier mehr nach auslagerung, “OutSourcing”. Und das geht immer auf kosten der bevoelkerung und der mitarbeiter. Aber vielleicht winken da persoenliche praemien.
    Und fuer Microsoft geht es um den grossen brecher. Freie Software unterhoehlt dieren existenz. Und die verbreitung von Microsoft hat nur wenig mit technischer qualitaet zu tun.
    Und wenn es zur auslagerung an Microsoft-Clouds-Server kommt, dann haben die US-dienste vollen zugriff. Dafuer werden dann auch gerne geschenke verteilt.
    mit gruessen, willi

  4. abbc says:

    @willi: Das habe ich schon so lange und schon so oft gehört, das ich diesen Behauptungen schon lange müde bin. Für mich steht es schon lange fest, das Open Source sich besser organisieren muss, man bessere Modelle braucht um letztendlich in den Markt und Gesellschaft eingreifen zu können. Sonst versucht man es erfolglos mit Ideologien oder irgendwelchen Schuldzuweisungen, weil es viel einfacher ist als die realen Probleme anzupacken.

    Nicht falsch verstehen. Ich nutze mitunter auch Linux und Open Source, aber nicht aus ideologischen Gründen. Aus langer Zeit mit Linux und Open Source, glaube ich auch nicht das MS da irgendwen schmieren musste oder sonst wie operiert hat. Glaub ich nicht. Vielmehr ist Open Source in vielen Dingen einfach nicht konkurrenzfähig. Und Gründe gibt es dafür viele. Kosten, Zeit, Funktionen, Unterstützung usw.

    Ich habe Linux ja gern, aber bis einige Lizenzrechtliche Vorteile sehe ich keine tatsächlichen Vorteile in Open Source. Der Linux-Desktop ist eine Krücke und viele Open Source Projekte leiden unter Entwickler- und Nutzermangel. Das ist ein Problem, zwar kann ja “jeder” den Code nehmen, prüfen und weiter entwickeln, real passiert hier aber viel zu wenig.

    Vielleicht hätte LiMux ein Erfolg werden können, wenn man über Zeit nach Open Source migrieren würde und nicht mit der Abrissbirne hantiert hätte. LibreOffice zb.hätte auch unter Windows zuerst an München angepasst werden können. Open Source Lösungen gibt es auch für Windows. Wenn die Anwendungen schließlich stehen, käme dann die eigene Linux-Distribution an die Reihe. Wäre vielleicht zielführender.

    Aber so… irgendwie wurde da was rumgewürgt und gebastelt. Jetzt kotzt man sich die Seele aus dem Leib über den Rückschwung auf Windows und die zusätzlichen Millionenausgaben. Und das finde ich nicht weiter schlimm, weil ich denke das München danach wieder arbeitsfähig ist. Viel schlimmer sind die letzten 15 Jahre gewesen. Denn am Ende wurde nichts gespart, nur Geld verpulvert und muss nun wieder alles Umstellen.

    Was jetzt schön wäre, ist eine öffentliche und detaillierte Dokumentation zu erstellen, was in München gemacht wurde. Was war gut und was schlecht usw. Damit andere sehen, was sie umsetzen können und was sie lieber anders machen können. Damit die gleichen Fehler nicht noch einmal gemacht werden.

  5. tuxflo says:

    “der Linux-Desktop ist eine Krücke und viele Open Source Projekte leiden unter Entwickler- und Nutzermangel”

    Diese Aussage ist nicht nur äußerst subjektiv sondern schlicht und ergreifend falsch. Es gibt keinen “Linux-Desktop”. Unter Linux versteht man im Grunde nur den Kernel, auch wenn ich weiß das unter dem Begriff meist mehr Zusammengefasst wird. Ich kenne auch genug Personen die mit Windows 10 nicht zurechtkommen oder die bei MacOS die rechte Maustaste suchen.

    Weiter geht es mit:

    “Das ist ein Problem, zwar kann ja “jeder” den Code nehmen, prüfen und weiter entwickeln, real passiert hier aber viel zu wenig.”

    Worauf stützt sich diese Aussage? Hast du dafür eine Quelle? Und selbst wenn, wie erklärst du dir, dass mittlerweile auch Microsoft das Potential von Open Source erkannt hat und viele neue Projekte quelloffen weiterentwickelt?

    Auch
    “Vielleicht hätte LiMux ein Erfolg werden können, wenn man über Zeit nach Open Source migrieren würde und nicht mit der Abrissbirne hantiert hätte. LibreOffice zb.hätte auch unter Windows zuerst an München angepasst werden können. Open Source Lösungen gibt es auch für Windows. Wenn die Anwendungen schließlich stehen, käme dann die eigene Linux-Distribution an die Reihe. Wäre vielleicht zielführender.”

    hier denke ich, dass es für die “Abrissbirne” Gründe gab. Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass sich rein gar nichts geändert hätte, wenn man auf den bestehenden Systemen “einfach LibreOffice” daneben installiert hätte. Wo wäre dann überhaupt ein Anreiz gewesen zu wechseln und wie soll das funktionieren, wenn die eine Hälfte der Verwaltung LibreOffice einsetzt und die andere Hälfte MS-Office? Den Wechsel mit den Dateiformaten bekommen bei uns an der Uni nicht mal Informatikstudierende hin, wie sollen das dann Verwaltungbeamte, die eigentlich andere Kompetenzen haben und für die Anwendungen “einfach funktionieren” sollen, schaffen?